Rehbockjagd im Mai: Faszination, Frühaufsteher, Feingefühl

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Rehbockjagd im Mai: Faszination, Frühaufsteher, Feingefühl

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Wenn der Mai ins Land zieht, bekommt das Revier einen ganz eigenen Klang. Die Nächte werden milder, die Wiesen stehen im satten Grün, und an den Waldsäumen beginnt jene Zeit, auf die sich der Rehwildjäger das ganze Frühjahr gefreut hat. Die Maibockjagd ist mehr als nur der Auftakt einer Jagd-zeit. Sie ist Spannung, Beobachtung, wildbiologische Verantwortung und nicht zuletzt ein echtes Fest für den, der Rehwild nicht nur bejagen, sondern auch verstehen will.

Gerade im Mai zeigt sich der Bock oft so, wie man ihn später im Jahr längst nicht mehr zu sehen bekommt. Noch ist der Bewuchs vielerorts niedrig, die Einstände sind überschaubarer, und das Rehwild folgt einem deutlich erkennbaren Rhythmus zwischen Äsung, Sichern und Ruhe. Wer jetzt mit offenen Augen im Revier unterwegs ist, erlebt nicht einfach nur Jagd, sondern liest gewissermaßen im lebendigen Buch des Frühjahrs. Und genau darin liegt der besondere Reiz: Der Maibock fordert nicht in erster Linie den schnellen Finger, sondern den wachen Blick.

Was den Mai wildbiologisch so spannend macht

Wildbiologisch ist diese Zeit außerordentlich spannend. Die meisten Böcke haben ihr Gehörn weitgehend verfegt, markieren ihre Reviere und zeigen bereits jenes Verhalten, das einige Wochen später in der Blattzeit seinen Höhepunkt finden wird. Dabei stehen die Stücke in enger Wechselwirkung mit Äsungsangebot, Deckung, Beunruhigung und Sozialgefüge. Nicht jeder Bock, der sichtbar wird, ist deshalb automatisch ein Bock für die Strecke. Wer Rehwildhege ernst nimmt, der weiß: Der Mai ist vor allem der Monat der Auswahl. Und genau hier trennt sich jagdliche Leidenschaft von bloßer Trophäengier. Ein mittlerer, sauber aufgesetzter Sechser im besten Alter ist in vielen Revieren gerade nicht der Bock, der jetzt fehlen sollte. Solche Böcke verkörpern Leistung, körperliche Reife und oft auch eine stabile Stellung im Revier. Sie sind Ausdruck eines gesunden Bestandes und verdienen in aller Regel Zurückhaltung. Ganz anders kann es bei jungen, schwachen oder fehlentwickelten Böcken aussehen, wenn die Revierverhältnisse, die Abschussplanung und die konkrete Beobachtung dies nahelegen. Ein Knopfbock etwa kann jagdlich im Mai außerordentlich reizvoll sein, nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Eigenart. Wer ihn sauber anspricht und bewusst erlegt, hat oft die interessantere Jagd erlebt als derjenige, der nur auf starke Stangen schielt.

Foto: Klaus/stock.adobe.com
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Warum der mittelalte Sechser meist kein Maibock sein sollte

Entscheidend ist dabei immer das einzelne Revier. Was im gut strukturierten Waldrevier mit ruhigem Einstand richtig sein mag, kann im Feldrevier mit hohem Nutzungsdruck schon ganz anders aussehen. Wo der eine Jäger einen jungen Zukunftsbock vor sich hat, erkennt der andere einen Kümmerer, der aus einem ganz bestimmten Grund nicht weiterkommen wird. Patentrezepte taugen beim Rehwild wenig. Wer überall dasselbe Schema anlegt, jagt an der Wirklichkeit vorbei. Rehwild verlangt Revierkenntnis, Zeit, Vergleich und die Demut, nicht jeden Bock in eine Schablone pressen zu wollen.

Besonders wichtig ist deshalb die sichere Unterscheidung zwischen jungen und alten Böcken. Dabei hilft das Gehörn nur bedingt. Wer allein auf die Hauptzier schaut, wird immer wieder irren. Ein junger Bock kann für sein Alter erstaunlich gut aufhaben, während ein alter Bock geografisch, konditionell oder genetisch eher bescheiden daherkommt. Das Alter sitzt beim Rehbock viel deutlicher im ganzen Stück als nur auf dem Haupt.

Junge Böcke, alte Böcke: Der Körper verrät mehr als das Gehörn

Der junge Bock wirkt meist schmal, leicht und beinahe jugendlich gespannt. Sein Träger erscheint oft relativ dünn, der Kopf eher kurz, die Lauscher wirken groß und das gesamte Stück steht hochläufig und etwas „langbeinig“ im Revier. Häufig zeigt er ein unruhigeres, weniger abgeklärtes Verhalten. Er zieht flotter, sichert nervöser, tritt oft weniger souverän auf und wirkt insgesamt noch nicht voll ausgeschoben. Besonders beim Jährling oder jungen Zweijährigen ist der Körper im Verhältnis zum Haupt noch nicht „fertig“. Das Stück sieht vorn und hinten oft gleich schmal aus, die Brust ist wenig tief, der Widerrist noch nicht markant, und von jener kompakten, selbstverständlichen Wucht eines alten Bockes fehlt meist jede Spur.

Der alte Bock dagegen verrät sich häufig schon auf den ersten Blick durch seine Erscheinung. Er wirkt gedrungener, tiefer, stärker auf der Vorderhand und insgesamt deutlich gesetzter. Der Träger ist kräftiger, das Haupt länglicher, die Bewegung ruhiger und überlegter. Solche Böcke stehen oft mit einer Gelassenheit im Revier, die man nicht lernen kann. Sie sind nicht selten heimlicher, zeigen sich kürzer und nutzen Deckung bewusster. Kommt ein alter Bock jedoch einmal frei, dann hat er oft jene eigentümliche Präsenz, die jeder erfahrene Rehwildjäger kennt. Es ist weniger das Gehörn als die ganze Persönlichkeit des Stückes, die Alter ausstrahlt. Auch das Gesicht kann Hinweise geben. Junge Böcke haben häufig eine frische, fast glatte Erscheinung mit kurzem, feinem Haupt. Alte Böcke wirken maskiger, markanter und im Ausdruck härter. Doch auch hier gilt: kein Merkmal für sich allein, sondern immer das Zusammenspiel. Körperform, Verhalten, Gang, Stellung im Revier und mehrfache Beobachtung ergeben erst das belastbare Bild.

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Foto: focuslandkind/stock.adobe.com

Jedes Revier schreibt seine eigenen Regeln

Darum ist die Maibockjagd im besten Sinne eine Schule des Sehens. Wer im ersten Büchsenlicht auf der Kanzel sitzt oder vorsichtig am Waldrand pirscht, lernt schnell, dass jagdlicher Erfolg nicht nur in Kilo und Zentimetern gemessen wird. Die eigentliche Kunst liegt darin, den richtigen Bock zur richtigen Zeit zu erkennen und dann eine Entscheidung zu treffen, die zum Revier passt. Mancher Knopfbock bringt dabei mehr jagdliche Freude und hegerische Stimmigkeit, als ein übereilt erlegter mittelalter Sechser, der eigentlich noch Jahre hätte prägen können.

Und genau darin liegt die Schönheit dieser Jagd. Die Maibockzeit ist keine Pflichtübung, sondern ein intensives, sinnliches Reviererlebnis. Man hört den Fasan, sieht den ersten schwachen Dunst über den Wiesen stehen und wartet mit klopfendem Herzen auf jenes Stück, das sauber angesprochen werden will. Wer Rehwild liebt, wird in diesen Morgen- und Abendstunden reich beschenkt, selbst wenn der Schuss ausbleibt.

Die Rehbockjagd im Mai lebt von Vorfreude, Wissen und Maß. Sie lebt von der Lust am Beobachten und von jener hegerischen Vernunft, die nicht überall dasselbe will. Möge also jeder Revierinhaber, jeder Begehungsscheininhaber und jeder passionierte Rehwildjäger mit offenem Blick hinausgehen, das Eigene sorgfältig abwägen und dem Mai jene Bühne geben, die ihm gebührt. Denn wenn irgendwo Jagdleidenschaft, Wildbiologie und Waidfreude zu einer Einheit werden, dann jetzt, zur Zeit des Maibocks. Benedikt Schwenen